Monologe - Staffel 3
III.01 - Alle Zeit der Welt
Im OP - verliert die Zeit ihre Bedeutung. Zwischen all den Nähten und dem Lebenretten... hört die Uhr auf, wichtig zu sein. 15 Minuten... 15 Stunden - innerhalb des OPs lassen die besten Chirurgen die Zeit Fliegen.
Außerhalb des OPs jedoch, hat die Zeit die Angewohnheit, sich zu rächen. Selbst den Stärksten unter uns scheint sie Streiche zu spielen. Langsamer zu gehen... zu warten... solange, bis sie einfriert - und uns im Augenblick verharren lässt - ohne dass wir uns bewegen können, in die eine oder andere Richtung.
Die Zeit fliegt. Die Zeit wartet auf niemanden. Die Zeit heilt alle Wunden. Wir alle wollen nur das Eine und das ist mehr Zeit. Zeit aufzustehen. Zeit erwachsen zu werden. Zeit loszulassen. Zeit.
III.02 - Genug Muffins
In jeder beliebigen Sekunde, feuern etwa eine Billion Synapsen Impulse mit über 700 Stundenkilometern durchs Gehirn. Über die meisten haben wir keine Kontrolle. Wenn uns kalt ist, bekommen wir eine Gänsehaut. Wenn wir erregt werden, schießt das Adrenalin durch den Körper. Der Körper folgt solchen Impulsen automatisch und ich glaube deswegen ist es auch so schwer für uns, unsere eigenen Impulse zu kontrollieren. Natürlich haben wir manchmal auch Impulse, die wir überhaupt nicht kontrollieren wollen - auch wenn wir uns später wünschen, wir hätten's getan.
Der Körper ist ein Sklave seiner Impulse. Aber das, was uns menschliche macht, ist das, was wir kontrollieren können. Nach dem Sturm, nach der Aufregung, nachdem sich das erste Aufbrausen gelegt hat, können wir uns wieder beruhigen und das Chaos beseitigen, das wir angerichtet haben. Wir können versuchen loszulassen. Aber, auf der anderen Seite...
III.03 - Fantasie
Wenn Chirurgen träumen, träumen sie normalerweise von verrückten und unmöglichen Operationen. Jemand kollabiert in einem Restaurant, wir schneiden ihn mit dem Buttermesser und ersetzen eine Klappe mit einer ausgehöhlten Karotte. Aber ab und zu, schleichen sich da auch andere Fantasien hinein.
Die meisten unserer Fantasien verschwinden, wenn wir aufwachen und werden in die hintersten Gehirnwindungen verbannt. Doch manchmal sind wir ganz sicher, wenn wir uns nur große Mühe geben, können wir den Traum leben.
Fantasien sind ganz einfach. Genuss ist gut - und doppelt so viel Genuss, ist besser. Schmerz ist schlecht und kein Schmerz ist immer besser. Aber die Realität ist anders. Die Realität ist, dass Schmerz existiert, um uns etwas zu sagen. Wir können nur ein gewisses Maß an Genuss ertragen, ohne Bauchschmerzen zu bekommen - und vielleicht ist das gut so. Vielleicht sollen gewisse Fantasien einzig und allein in unseren Träumen existieren.
III.04 - Man ist, was Man ist
An einem gewissen Punkt während ihrer Ausbildung, bekommen die Assistenzärzte ein Gefühl dafür, wer sie sind, als Arzt und was für ein Chirurg sie wohl werden. Wenn man sie fragt, sagen sie's einem. Sie sagen dann nicht 'Ich werde Chirurg' Sie sagen 'Unfallchirurg', 'Neurochirurg' Unterschiede, die mehr sind, als eine Beschreibung eines Spezialgebiets. Sie tragen dazu bei, zu definieren, wer man ist, denn außerhalb des OPs ist es nicht nur so, dass die meisten Chirurgen keine Ahnung haben, wer sie sind, sie haben auch Angst davor es herauszufinden.
III.05 - Schuldgefühle
Regel Nummer eins: Richte keinen Schaden an. Als Ärzte sind wir diesem Grundsatz verpflichtet, aber natürlich passiert das jedem mal - und dann kommen die Schuldgefühle und es gibt keinen vorgegebenen Weg, wie man damit zurecht kommt.
Ein Schuldgefühl kommt niemals allein: Es bringt seine zwei Freunde mit: Zweifel und Unsicherheit.
Regel Nummer eins: Richte keinen Schaden an. Leichter gesagt, als getan. Wir können uns natürlich vornehmen, was wir wollen, aber Tatsache ist, dass die meisten von uns ständig irgendwo Schaden anrichten.
Selbst wenn wir versuchen zu helfen, richten wir manchmal mehr Schaden an, als wir Gutes tun.
Und dann zeigt die Schuld ihr hässliches Gesicht. Und was man mit dieser Schuld macht, das liegt an einem selbst.
Am Ende haben wir eine Wahl: Entweder man lässt von den Schuldgefühlen zu dem Verhalten treiben, das einem den Ärger eingebrockt hat - oder man lernt daraus und gibt sich Mühe weiter zu machen.
III.06 - Von Schweinen und Hühnern
Um ein guter, ein wirklich guter Chirurg zu sein, muss man großes Engagement zeigen. Wir müssen bereit sein, das Skalpell in die Hand zu nehmen und einen Schnitt zu machen, der vielleicht oder vielleicht auch nicht mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Es geht darum, voll engagiert zu sein, denn wenn wir es nicht sind, dürfen wir das Skalpell gar nicht erst in die Hand nehmen.
Es gibt Zeiten, in denen es selbst den Besten von uns schwer fällt engagiert zu sein - und wir sind vielleicht überrascht, wie leicht wir uns davon abbringen lassen, Engagement zu zeigen. Das mit dem Engagement ist kompliziert. Andererseits überrascht es uns manchmal, wie engagiert wir sein können. Wahres Engagement erfordert Mühe - und Opfer. Deswegen müssen wir es wohl manchmal auf die harte Tour lernen, unser Engagement wohlüberlegt einzusetzen.
III.07 - Unter Männern
Als Chirurgen entwickeln wir ein Gespür für Krankheiten. Manchmal kommen wir den Problemen leicht auf die Spur. Aber meistens müssen wir Schritt für Schritt vorgehen. Zuerst prüfen wir die Oberfläche und suchen nach irgendwelchen Anzeichen für Ärger - nach einem Muttermal, einer Wunde oder einer störenden Geschwulst. Meistens können wir nicht sagen, was mit jemandem nicht stimmt, wenn wir ihn uns nur ansehen. Rein äußerlich betrachtet kann er nämlich völlig in Ordnung erscheinen, während uns sein Inneres eine ganz andere Geschichte erzählt.
Nicht alle Wunden sind oberflächlich. Die meisten Wunden gehen tiefer, als wir es uns vorstellen können. Das kann man mit dem bloßen Auge nicht sehen. Und dann gibt es Wunden, die uns überraschend zugefügt werden. Die beste Art eine Wunde oder Krankheit zu behandeln, ist in die Tiefe zu gehen und den wahren Grund für die Verletzung zu finden. Und wenn man ihn gefunden hat, muss man versuchen ihn mit aller Kraft zu beseitigen.
III.08 - Der blinde Fleck
Viele wissen nicht, dass das menschliche Auge einen blinden Fleck auf der Netzhaut hat. Es gibt also einen Teil der Welt, den wir tatsächlich nicht sehen können. Das Problem ist nur, dass dieser blinde Fleck manchmal dazu führt, dass wir Dinge nicht sehen, die wir lieber nicht ignorieren sollten. Manchmal aber sorgen unsere blinden Flecken dafür, dass unser Leben blendend glücklich bleibt.
Vielleicht ist das mit den blinden Flecken nicht so, dass unser Gehirn uns glücklich machen will, vielleicht will es uns nur beschützen.
III.09 - Verrat
(Anmerkung: Dieser Monolog wird von Cristina gesprochen.)
Als Ärzte - kennen wir die Geheimnisse eines jeden - medizinische Vorgeschichte - sexuelle Vergangenheit. Vertrauliche Informationen, die für einen Chirurgen so wichtig sind, wie ein Zehnerskalpell - und ganz genauso gefährlich. Wir behalten diese Geheimnisse für uns, das ist unsere Pflicht. Aber nicht jedes Geheimnis kann gewahr werden.
Auf gewisse Weise ist Verrat unvermeindlich. Wenn unser Körper uns im Stich lässt, ist eine Opreation oft der Schlüssel zur Genesung. Wenn wir uns gegenseitig im Stich lassen, wenn wir uns gegenseitig verraten, ist der Weg zur Heilung weniger klar.
Es gibt allerdings bestimmte Wunden - Momente des Verrats, die so schlimm sind, so grundlegend, dass es keine Möglichkeit gibt zu reparieren, was kaputt gegangen ist. Und wenn soetwas passiert - dann kann man nichts anderes tun, als warten.
III.10 - Die richtige Distanz
Am Ende ist es doch so: Wir wollen im Grund nichts anderes, als einem anderen Menschen näher zu sein. Das ganze restliche Theater, wenn wir versuchen Distanz zu wahren, demonstieren, dass uns die anderen egal sind, ist meistens reiner Blödsinn. Also suchen wir uns die Menschen aus, denen wir nahe sein wollen. Und wenn wir diese Menschen einmal gewählt haben - bleiben wir meistens in ihrer Nähe. Egal, wie sehr wir ihnen auch weh tun. Die Menschen, die am Ende eines Tages noch bei einem sind, das sind diejenigen, die es wert sind, dass man bei ihnen bleibt. Natürlich kann man sich auch zu nah kommen - andererseits ist es manchmal genau das, was man braucht: sich jemandem ganz nah zu fühlen.
III.11 - Das Vater-Syndrom
kein Voiceover in dieser Folge
III.12 - Die große Stille
kein Voiceover in dieser Folge
III.13 - Hohe Erwartungen
Niemand glaubt, dass sein Leben nur irgendwie, so ganz okay, verlaufen würde. Wir glauben alle, dass aus uns etwas Besonderes wird und von dem Tag an, an dem wir uns entschieden haben Chirurgen zu werden, sind wir von hoher Erwartung. Wir erwarten von uns, dass wir neue Wege beschreiten, dass wir Menschen helfen, dass wir etwas bewegen. Wir haben hohe Erwartungen an den Menschen, der wir sein möchten - wohin wir gehen werden - und irgendwann kommen wir an.
III.14 - Toxisch
Wir als Chirurgen leben in einer Welt der größten anzunehmenden Katastrophen. Wir haben aufgehört zu hoffen, dass das Bestmöglichste passiert, weil das selten eintritt.
Doch ab und zu geschieht etwas aussergewöhnliches - und auf einmal scheint das Bestmöglichste tatsächlich erreichbar. Und ab und zu geschieht auch etwas unglaubliches - und gegen unser besseres Wissen, beginnen wir zu hoffen.
Ärzte werden geschult ihren Patienten nur die Tatsachen mitzuteilen. Aber was die Patienten wirklich wissen wollen ist, "Gehen diese Schmerzen je wieder weg?", "Wird es mir bald wieder besser gehen?", "Bin ich gesund?". Was unsere Patienten eigentlich interessiert, ist, "Gibt es Hoffnung?".
Es gibt immer wieder Augenblicke, in denen man sich der größten Katastrophe stellen muss. Wenn der eigene Körper den Patienten betrogen hat, und alles was die Wissenschaft bieten kann, nicht mehr hilft. Wenn das Schlimmste, was passieren kann, wahr wird, dann ist das Klammern an die Hoffnung, alles, was uns bleibt.
III.15 - Katastrophenalarm
Die Wissenschaft kennt das Verschwinden. Krankheiten zum Beispiel können verschwinden. Krebsgeschwüre sind einfach nicht mehr da. Wir machen einen Patienten auf und sehen, dass der Krebs weg ist. Dafür gibt es eine Erklärung. Es ist sehr selten, aber es kommt vor. Wir nennen es eine Fehldiagnose und behaupten, wir hätten es eigentlich gar nicht gesehen.
Jede Erklärung ist besser als die Wahrheit. Im Leben löst sich so einiges in Luft auf. Wenn etwas, von dem wir nicht wussten, dass wir es haben, verschwindet, vermissen wir's?
kein Voiceover am Ende dieser Folge
III.16 - Verschwunden
Wie ich schon sagte: dass etwas verschwindet, kommt vor. Aus Schmerzen werden Phantomschmerzen. Blut hört auf zu fließen und Menschen - Menschen sterben.
Es gibt noch mehr, was ich zu sagen habe - so viel mehr. Aber... ich bin verschwunden.
III.17 - Tot
Es gibt medizinische Wunder. Als Gläubige am Altar der Wissenschaft möchten wir uns nicht eingestehen, dass es Wunder gibt, aber es gibt sie. Es gibt Dinge, die einfach passieren. Wir können sie nicht erklären. Wir können sie nicht kontrollieren. Aber sie passieren doch.
Wunder geschehen in der Medizin durchaus, sie geschehen jeden Tag. Nur nicht unbedingt dann, wenn wir sie brauchen.
Natürlich enden die meisten Tage so. Aber oft werden die Gebete auch erhört.
Wir sollten die Wunder auch einfach mal akzeptieren. Wenn wir unsere Hand über die Kluft zwischen den Welten strecken, können wir uns manchmal, gegen sämtliche Wahrscheinlichkeiten, gegen alle Logik, berühren.
III.18 - Alte Wunden
Menschen haben an den überraschensten Stellen Narben. Sie sind so etwas wie geheime Strassenkarten ihrer persönlichen Geschichte. Ein Diagramm alter Verletzungen.
Die meisten Wunden heilen und es bleibt nichts weiter als eine Narbe zurück – manche jedoch heilen nicht.
Manche Verletzungen tragen wir ständig mit uns herum auch wenn sie schon lange her sind – halten die Schmerzen an. Vielleicht haben uns unsere alten Wunden etwas zu erzählen. Sie erinnern uns daran wie wir damals waren und was wir überstanden haben. Sie lehren uns was wir in der Zukunft vermeiden sollen.
Zumindest hätten wir das gern. Aber leider ist das nicht so, oder? Es gibt Dinge die müssen wir einfach immer wieder durchmachen – immer, immer, immer wieder.
III.19 - Alles nach Plan
Chirugen haben immer einen Plan. - Wo soll geschnitten werden, wo geklammert und wo genäht. Aber trotz genauster Pläne – kann es zu Komplikationen kommen – manches kann schief laufen. Und plötzlich steht man mit runtergelassener Hose da.
Manche von uns brauchen dann eben einen Plan B und machen das Beste draus. Und manchmal ist das was wir wollen, genau das was wir brauchen.
Manchmal allerdings, manchmal brauchen wir auch schlicht und einfach einen neuen Plan!
III.20 - Von der Vergangenheit eingeholt
Die Geschichte eines Patienten ist genauso wichtig, wie seine Symptome. Sie hilft uns dabei, zu entscheiden ob es sich um Sodbrennen handelt oder einen Herzinfarkt. Ob Kopfschmerzen einen Tumor bedeuten.
Manchmal versuchen Patienten ihre Vorgeschichte umzuschreiben – sie behaupten dann sie würden nicht rauchen oder vergessen bestimmte Medikamente zu erwähnen. Bei einer Operation kann das dann den Tod bedeuten.
Wir können es zwar ignorieren aber irgendwann wird sich unsere Vergangenheit an uns rächen. An einem gewissen Punkt müssen wir uns alle entscheiden: Greife ich auf das zurück was ich weiß oder schreiten wir voran und beginnen etwas Neues.
Es ist schwer die Vergangenheit wirklich hinter sich zu lassen. Unsere Vergangenheit ist das was uns ausmacht, was uns die Richtung vorgibt. Unsere Vergangenheit taucht immer wieder auf – immer und immer wieder. Was wir uns vor Augen halten müssen ist, dass wir unsere Vergangenheit selbst schaffen - und zwar durch das was wir heute tun.
III.21 - Verlangen
Als Assistenzärzte wissen wir was wir wollen, wir wollen Chirurgen werden und wir tun alles um unser Ziel zu erreichen. Wir kämpfen uns durch die härtesten Klausuren, ertragen 100 Stunden Wochen, stehen stundenlang in OP-Sälen herum, egal was, wir tuns.
Wir wollen Chirurgen werden, aber es ist schwierig das mit dem was wir sonst noch wollen über einen Hut zu bringen. All zu oft ist das was man haben will, das was man nicht haben kann. Verlangen ist das was unsre Herzen bricht, es füllt uns aus. Verlangen kann einem das Leben zur Hölle machen. Aber so hart es auch sein mag etwas wirklich zu wollen, die Menschen die am meisten leiden, sind diejenigen die nicht wissen was sie wollen.
III.22, III.23 - Die andere Seite des Lebens
Der Traum sieht so aus, dass wir endlich glücklich sein werden wenn wir unsere Ziele erreicht haben.
Den richtigen Mann finden, die Assistentenzeit überstehen, das ist der Traum, und wenn wir das geschafft haben, fangen wir natürlich wieder an von etwas anderem zu träumen. Wenn wir so was träumen dann würden wir gern aufwachen. Sofort bitte!
Irgendwann akzeptieren wir vielleicht dass aus dem Traum ein Alptraum geworden ist. Wir sagen uns dass die Realität sowieso besser ist.
Wir reden uns ein, dass es besser ist überhaupt nicht zu träumen.
Aber die stärksten von uns – die wirklich Entschlossenen – die halten an ihrem Traum fest.
Manchmal konfrontiert uns das Leben mit einem anderen Traum – wir betrachten diesen neuen Traum und empfinden, gegen aller Wahrscheinlichkeit, eine gewisse Hoffnung.
Wenn wir Glück haben verstehen wir irgendwann in unserem Leben, dass es gar nicht um diesen oder jenen Traum geht, sondern darum überhaupt zu träumen.
III.24 - Der Test
Die Ausbildung eines Chirurgen endet nie – jeder Patient, jedes Symptom, jede Operation ist ein Test – eine Gelegenheit für uns zu demonstrieren wie viel wir wissen und wie viel mehr wir noch zu lernen haben.
















